Psychologische Therapie Emotionaler Schlüsselerfahrungen

Wir denken zu viel und fühlen zu wenig.

Charles Chaplin

Warum ein Fachbuch aus der Praxis?

 

Sowohl Psychoanalyse als auch Verhaltenstherapie haben in den Jahrzehnten ihrer Professionalisierung nicht nur zu Vertiefungen sondern auch zu Verflachungen und zu Kopflastigkeit geführt (‚deutende‘ Psychoanalyse; ‚kognitive‘ Verhaltenstherapie). Zudem ist die heutige Sichtweise auf Psychotherapie erheblich von der Vorstellung beeinflusst, das es primär um die Behandlung von Störungen mit spezialisierten Methoden (Interventionen) geht. Diesem -in der Regel von den meisten Universitäten kritiklos aus der naturwissenschaftlichen Pharmaforschung übernommene- Ansatz wird im Band ein prozessorientierter Ansatz -wie in psychoanalytischen und humanistischen Ansätzen- gegenübergestellt. Ein Dutzend Forschungsfelder werden in diesem Band integriert mit dem Ziel einer Fokussierung auf das was Patienten wirklich brauchen.

 

Was steht im Zentrum wirksamer Psychotherapie?

 

Nicht die Intervention sondern die empathische und aufmerksame Interaktion sind die Basis einer wirksamen Psychotherapie. Erst auf dieser Basis kann etwas Neues wachsen: Kraftquellen spürbar werden, Schmerzhaftes benennbar werden, ein Heilungsprozess erlebbar werden, der manchmal mit einem Geburtsvorgang vergleichbar sein kann. Dieser ist nicht vorhersehbar und erfordert von beiden Seiten dass Sich-Einlassen auf einen zielorientierten und offenen Prozess. Erfahrungen mit der höchsten emotionalen Bedeutung stehen im Mittelpunkt einer aufmerksamen Erkundung, und werden nach Möglichkeit in ein übergeordnetes Verständnis eingeordnet: Warum reagiere ich so emotional? Warum erlebe ich Kontrollverlust? Warum erleide ich eine gesundheitliche Symptomatik? Warum verliere ich mein Vertrauen und meine Zuversicht? — Welche Erfahrungen sind (teilweise unbewusst) in einer zeitlichen Kaskade miteinander verbunden? Dieser Prozess beginnt schon in der ersten Sitzung, und geht weiter bis zu einem Zustand erlebter Stimmigkeit und Vollständigkeit. Anzeichen für emotionale Bedeutung sind keine Gedanken, sondern unmittelbare emotionale und körperliche Reaktionen.

 

Was sind toxische Belastungen?

 

Stress erfasst immer den gesamten Körper- die Seele- den Geist. Stress ist herausfordernd und stimulierend (Eu-Stress), kann aber bei scheiternder Unterstützung auch toxisch werden (Di-Stress). Toxische Erfahrungen sind Erfahrungen von physischer, emotionaler oder sexueller Gewalt, von körperlicher oder emotionaler Vernachlässigung, von Sucht/ schweren Erkrankungen/ oder auch Gewalt in Bezug auf andere Personen in der Familie, oder auch Erfahrungen mit Mobbing, Statusverlust, Insolvenzen, Trennungen und Scheidungen in der Familie. Aber auch weniger schwere -sich wiederholende- verletzende Erfahrungen können von langfristiger Wirksamkeit sein und den Selbstwert beeinträchtigen: Permanent kritisiert werden, entwertet werden, verlassen werden, Verlust nahestehender Personen, nicht gut genug sein, allein gelassen werden, ausgestoßen werden, etc. Das kann dauerhafte Spuren hinterlassen. Werden solche Erfahrungen in intakten aufmerksamen Beziehungen verarbeitet, dann tragen auch belastende Erfahrungen zu einem fundamentalen Reifungsvorgang bei, der eine starke=integrierte Persönlichkeit ausmacht. Werden solche Erfahrungen jedoch nicht verarbeitet, dann sind sie zumindest teilweise mit einer Einschränkung der persönlichen Entwicklung verbunden und dem Gefühl gefangen zu sein in permanenter Wiederholung (in einer Art Ur-Szene). In großen mehrjährigen Studien hat sich gezeigt, dass solche Erfahrungen innerhalb der ersten 18 Lebensjahre eine erhebliche Rolle spielen für die Gesundheit des Einzelnen noch 40-50 Jahre später. Die gesundheitlichen Auswirkungen können jedoch positiv beeinflusst werden durch eine nachträgliche Verarbeitung unabhängig von der verstrichenen Zeit bis ins hohe Alter. Zudem wissen wir, dass unverarbeitete (vor Allem traumatische) Erfahrungen oft an die Folgegeneration weitergegeben werden, sodaß die Verarbeitung auch für die nächste Generation wichtig ist.

 

Emotionale Schlüsselerfahrungen

 

Anhand gezielter Fragen (Anamnese) und Fragebögen wird gemeinsam ein umfassendes Verständnis der Geschichte und Situation des Gegenübers entwickelt (Fallkonzept). Dieses kann durchaus auch bis in die dritte Generation – zu den Herkunftsfamilien der Eltern und ihrer Erfahrungen- zurückgehen. Zum zweiten werden anhand individueller emotionaler Reaktionen unverarbeitete Erfahrungen identifiziert, die einen hohen prägenden Einfluss auf die Persönlichkeit hatten und immer noch haben können – nicht müssen.
Im Alltag wird dies oft nicht erkannt, weil die aktuellen Belastungen meist im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Starke Emotionen haben oft eine Hier-und-Jetzt-Qualität, die der Erkundung und Verarbeitung ähnlicher damit verbundener Erfahrungen im Wege stehen. Diese sich häufig wiederholenden Erfahrungen -aber auch die einmaligen traumatischen Erfahrungen mit dauerhafter Auswirkung- sollten als „emotionale Schlüsselerfahrungen“ im Zentrum der nachträglichen Verarbeitung stehen.

 

Verstehen und Bewältigen

 

Das Verständnis belastender Erfahrungen und auch der eigenen Rolle im sozialen Leben umfasst die Familiengeschichte, die persönliche Biografie in unterschiedlichen Lebensbereichen, die aktuelle soziale Umgebung, die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, die Verhaltensweisen der täglichen Lebensführung (z.B. Umgang mit Medikamenten, Alkohol, Arbeitsmenge, Medien etc.) und die gesundheitlichen Störungen (Schmerz, Angst, Depression, stressrelevante körperliche Symptome etc.). Alleine schon dieses vertiefte Verständnis ist mit einem Zuwachs an Selbstvertrauen und Autonomie/ Selbstwirksamkeit verbunden, reicht aber für sich noch nicht aus.
Der Fokus in der therapeutischen Arbeit liegt dann zum zweiten auf der direkten emotionalen Bewältigung der belastendsten Erfahrungen. Bewährt hat sich hier eine intensive mehrstündige Arbeit mit Fokus nach innen (gezielte Imaginative Transformationsarbeit im Liegen unter Entspannung). Dem folgt dann in der Regel noch eine dritte Phase (Transfer), in der das neue Selbstgefühl allmählich in die Lebensführung und die Alltagsbeziehungen hineingetragen wird und kleine oder größere Entscheidungen getroffen werden. Letztlich sind diese Prozesse sehr individuell, nur grob miteinander vergleichbar, und richten sich vollständig an den Bedürfnissen des Patienten aus.
Das Ergebnis dieser Verarbeitung: körperliche und emotionale Ruhe, Gelassenheit und Entscheidungsfähigkeit, vollständige Auflösung von destruktiver Scham, Schuld oder Ohnmacht. Dieser Zuwachs an innerer Verbundenheit mit sich selbst ist vergleichbar mit einer wachsenden Verbundenheit zwischen Kind und Erwachsenem (s. Cover und Logo).

Das Buch für praktisch tätige Therapeuten, Wissenschaftler und Auszubildende beinhaltet eine vollständige Darstellung der wissenschaftlichen Hintergründe und der konkreten Arbeitsweise auch mit exemplarischen Therapieprozessen und zahlreichen Therapiematerialien für Ausbildung und Praxis.

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